Ein Plädoyer fürs Jammern

Forumsbeiträge, die vor dem 06.06.2018 erstellt wurden
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Ingeborg
Beiträge: 4220
Registriert: Mi Jun 06, 2018 11:33 am

Ein Plädoyer fürs Jammern

Beitrag von Ingeborg »

Hallo Ihr alle,

wer von „uns“ mag behaupten, wegen der Heftigkeit des Krankheitszustands oder der seiner Dauer, wegen des Umstands, von der schnellen Überholspur nun auf der Standspur noch zu langsam zu sein, auch mal (oder häufig) wegen der Ignoranz der Behörden und Ärzte, ihrem Unverständnis und/oder ihrer nervigen Sprüche wegen, dünnhäutiger geworden zu sein. Dazu das Unverständnis, die oberflächlichen, ja mitunter auch dümmlichen Ratschläge aus dem Umfeld, den Freunden, sogar der Familie. Was auch immer uns besonders quält. Da schreit dann unsere Seele irgendwann mal auf und gibt uns zu verstehen: das alles will ich nicht mehr mitmachen. Zu recht?



Was ist passiert? Wir sind doch früher mit diesem und jenem fertig geworden, na ja, jedenfalls besser. Wir sind doch stark. Sind wir es wirklich? Na klar, auch jetzt bemühen wir uns, niemandem einzugestehen, dass wir leiden, dass wir den Anforderungen nicht mehr in vollem Umfange gerecht werden können und ehrlich: manchmal sogar so gut wie nichts hinkriegen. Uns selbst gegenüber nicht einmal. Was würde denn auch unser Ego dazu sagen, hey? Das allein schon geht ja gar nicht. Nichts geben wir zu! Wir sind doch stark.



Dabei haben wir fast übersehen, dass die Seele längst zu weinen begonnen hat bei all dem, was ungebeten über uns gekommen ist in Gestalt einer chronischen Erkrankung und im Gefolge all die Einschränkungen und Hindernisse, die zwar mal mehr, mal weniger groß sind, die uns jedoch nie mehr verlassen werden. Und was haben wir schon alles mitgemacht?



Da bricht doch nur verständlich die Maske des Starken an mancher Stelle zusammen. Entweder wir beginnen, der Seele Raum zu geben oder sie nimmt ihn sich. Doch redet die Seele eben in ihrer Sprache, ungeschminkt und ohne Beachtung irgendeiner Konvention und Rücksicht: sie weint, sie klagt, sie ächzt, sie schimpft, sie jammert –mit einem Wort: sie sucht einen Weg, all das loszuwerden, was ihr zuviel ist, was sie nicht mehr allein zu (er-)tragen bereit ist.



Wie gut, wenn sie einen rechten Ort findet, nämlich dort, wo sie noch Verständnis, vielleicht sogar Hilfe, erwarten oder zumindest vermuten kann. Der befindet sich dann wohl bei denjenigen, die selbst auch betroffen sind und eben –wissend verstehen.



In diesem Sinne: Jammern, Klagen, Schimpfen ist natürlich, es tut der Seele gut und hat nichts Negatives.

Gruß, Ingeborg
Man muß sich von sich selbst auch nicht alles gefallen lassen.
(Viktor Frankl, 1905-1997)
SiMONE00 (Archiv)
Beiträge: 991
Registriert: Do Jan 01, 1970 1:00 am

Re: Ein Plädoyer fürs Jammern

Beitrag von SiMONE00 (Archiv) »

Hallo Ingeborg.

Da ist nichts dazu zu fügen. Ich bin ja im Moment in so einer Situation und bin daher so froh in dieser Gruppe zu sein.



Ich drücke euch.



Simone
buban (Archiv)
Beiträge: 400
Registriert: Do Jan 01, 1970 1:00 am

Re: Ein Plädoyer fürs Jammern

Beitrag von buban (Archiv) »

Du bringst mich zum weinen!
Ralf N (Archiv)
Beiträge: 435
Registriert: Do Jan 01, 1970 1:00 am

Re: Ein Plädoyer fürs Jammern

Beitrag von Ralf N (Archiv) »

*******

twelfe points !

*******



LG

Ralf
ben1951 (Archiv)
Beiträge: 143
Registriert: Do Jan 01, 1970 1:00 am

Re: Ein Plädoyer fürs Jammern

Beitrag von ben1951 (Archiv) »

Hallo Ingeborg, schön geschrieben und so ist die warheit.

Hier sind wir allen gleich.



LG Ben
Stuemmelken (Archiv)
Beiträge: 124
Registriert: Do Jan 01, 1970 1:00 am

Re: Ein Plädoyer fürs Jammern

Beitrag von Stuemmelken (Archiv) »

Liebe Ingeborg,



du sprichst mir aus der Seele. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Leukozytoklastische Vaskulitis (im Moment ruhig), Primär billiäre Zirrhose (Leber verabschiedet sch in kleinen Schritten) jetzt vermutlich noch chronische Darmentzündung (Colitis ulcerosa), aber noch nicht bestätigt.

Krämpfe im Bauch wie bekloppt. Manchmal fragt man sich wirklich, was kommt noch? Man fängt an sich selber leid zu tun. Ich war eine flotte, lebenslustige, belastbare Frau. Heute bin ich froh, wenn jemand für mich in den Keller geht.......!!

Verstehen kann einen eigentlich niemand. Wie auch? Man kann immer erst wirklich mitempfinden, wenn man selber in gleichen oder ähnlicher Situation war.

Deshalb bin auch ich froh, dieses Forum zu haben, wo ich mal Dampf ablassen kann!!! Danke an alle!!!

Meine Seele ist seit vielen Jahren schon überlastet. Hab meine Eltern als Jugendliche verloren. Ebenso meine Großeltern. Plötzlich war ich ganz allein. ... und schwupps war die Angsterkrankung fertig. Mit jahrelangen Therapien, die nicht so wirklich geholfen haben. Jetzt bekomme ich auch dafür (oder dagegen) Medis und es geht mir, was das betrifft, ganz gut. Habe ich jedoch irgendetwas an oder in meinem Körper, was ich nicht kenne, kommt die Panik vor Krankenhaus, Intnsivstation, Blaulicht, Rettungswagen, usw. wieder zurück. Ich habe diesbezüglich mit meinen Eltern und Großeltern eine Menge mitgemacht. Meine Mama ist von heute auf morgen einfach so umgefallen, wurde wiederbelebt und dann ein paar tage später i Krankenhaus gestorben. Bei meinem Vater war es eine Bypassoperation, die er nicht gepackt hat. 2 Wochen danach ist er mit allen Komplikationen versehen dann gestorben.

Aber ich gehe jetzt zu weit, das interessiert so wirklich auch niemanden.......

Aber ich musste dir einfach sagen, liebe Ingeborg, es ist sooo schön, dass du das geschrieben hast. Genau so ist es.

Also, wem auch immer ich helfen kann, lasst es mich wissen.

LG Anja
Misato (Archiv)
Beiträge: 2
Registriert: Do Jan 01, 1970 1:00 am

Re: Ein Plädoyer fürs Jammern

Beitrag von Misato (Archiv) »

Hallo zusammen,



ich habe dieses Forum gerade für mich entdeckt.

Und dieser Beitrag hat mich direkt gut aufgenommen.

Danke Ingeborg!



Ich habe mich von Feb ´14 bis zu meiner ersten Endoxan Therapie im Dezember nun durchgeschlagen. Die zweite Therapie beginnt nächste Woche.

Da mir am Anfang noch eine Migräne mit Aura diagnostiziert wurde war ich über meine letzliche Diagnose Systemische Vaskulitis nicht sehr erfreut. Aber wer will groß jammern - immerhin belastet es mein Umfeld auch so schon sehr.



Also versuche auch ich immer stark zu sein.

Aber manchmal überkommt es einen einfach. Ich habe großes Glück einen sehr tollen Partner zu haben, der trotz vieler eigener Probleme immer sein Möglichstes gibt für mich da zu sein.



Nach einmal ordentlich leiden, bin ich dann auch wieder möglichst Stark für alle um mich rum.



Darum Danke, an alle die in schwachen Momenten für uns da sind.

Danke an dich Ingeborg, für deinen Text, für mich war er hilfreich!



Mi
Christine (Archiv)
Beiträge: 758
Registriert: Do Jan 01, 1970 1:00 am

Re: Ein Plädoyer fürs Jammern

Beitrag von Christine (Archiv) »

Liebe Ingeborg-

Du hast - wie schon so oft - den berühmten Nagel auf den Kopf getroffen...

Danke dafür!

Christine
Christine (Archiv)
Beiträge: 758
Registriert: Do Jan 01, 1970 1:00 am

Re: Ein Plädoyer fürs Jammern

Beitrag von Christine (Archiv) »

Liebe Anja,

Deine Geschichte hat mich ganz traurig gemacht - daß Du schon so vieles Schlimmes erleben mußtest, tut mir sehr leid-

Manch anderer hätte das nicht gepackt...

Alles Gute für Dich!

Christine
fallacy1978 (Archiv)
Beiträge: 216
Registriert: Do Jan 01, 1970 1:00 am

Re: Ein Plädoyer fürs Jammern

Beitrag von fallacy1978 (Archiv) »

Sehr schön geschrieben. Du sprichst mir aus der Seele.

Danke und liebe Grüße

Fallacy
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