Und was ist mit sterben?

Forumsbeiträge, die vor dem 06.06.2018 erstellt wurden
S. (Archiv)
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Re: Und was ist mit sterben?

Beitrag von S. (Archiv) »

@Friedolin: Du verkennst, dass für die Menschen, die - nicht atheistisch - glauben, die Wirklichkeit eines Gottes völlig evident und erfahrbar ist. Aus ihrer Sicht bist Du derjenige, der, wenn atheistisch glaubend, in der Beweispflicht des Gegenteils ist.



Die Bedenken des Gesetzgebers in Deutschland sind größtenteils ethisch, also noch nicht einmal religiös, bedingt, und dabei sehr geprägt durch die Erfahrung der Nazi-Zeit mit der Beseitigung unwerten Lebens und dem In-den-Tod-treiben. Eine Sterbehilfe-Regelung kann eben auch, wie immer sie auch formuliert wird, missbraucht werden durch so ein Regime.



@alle: eine Sterbehilfe-Beratung sehe ich nicht als Bevormundung an, sondern als eine Chance, diesen Entschluss noch einmal zu durchdenken und abzusichern. Wichtig wäre auch aus meiner Sicht, den möglichen Einfluss von Angehörigen, Freunden, Angestellten, oder auch Krankenkassen z.B., die einen kostspieligen, arbeitsintensiven Patienten loswerden wollen, an ein Erbe heranwollen, etc., definitiv auszuschließen.



In einem TV-Bericht über eine Schweizer Sterbehilfe-Organisation wurde einmal gezeigt, wie der schweizer Helfer eine Kundin in Deutschland besuchte, und dann unglaublichen Druck auf sie ausübte, jetzt in den Tod zu gehen - er war einfach sauer, dass er seine Reise umsonst unternommen hatte. Die Frau hat schließlich ganz eingeschüchtert nachgegeben. Das war wirklich, wirklich sehr häßlich und schrecklich! Deshalb finde ich es sehr wichtig, dass jeder auch im letzten Moment ohne Druck oder Repressalien zu spüren zu bekommen, sagen können muss, nein, das will ich jetzt doch nicht.



Depression - von meiner Freundin, die Ärztin und selbst erkrankt ist an Depressionen, weiß ich, dass sie heilfroh war, als sie endlich diagnostiziert wurde, denn dann konnte sie mit Hilfe von Medikamenten und Therapie ihr Leben zurückgewinnen. Depression ist in ihren Augen keine Krankheit, die, so sie gut behandelt wird, ein Grund wäre für eine frühen Lebensausstieg. Es ist nicht wie unheilbarer Krebs.

Ähnlich hat die niederländische Kommission argumentiert in Bezug auf den Vater meiner Freundin. Die Familie hat übrigens eine bessere Behandlung seiner Altersdepression eingefordert, und nun geht es ihm besser.
S. (Archiv)
Beiträge: 2490
Registriert: Do Jan 01, 1970 1:00 am

Re: Und was ist mit sterben?

Beitrag von S. (Archiv) »

Noch eines: ich nehme ja gerne die hier aufgeworfenen Themen und Diskussionen ernst, und es ist ja auch ein ernstes Thema.

Aber irgendwie hat es im Rahmen dieses Forums auch etwas völlig Irres:

Gerade Ihr alle habt doch DEN Schlüssel zum Ableben jederzeit in eigener Hand, nehmt einfach keine Medikamente und die Vaskulitis pardon, killt Euch doch sowieso in ein paar Wochen. Das kann Euch doch keiner nehmen. Patientenverfügung mit Ausschluss jeglicher Hilfeleistung, außer palliativer, und der Lebensausstieg ist in trockenen Tüchern. Jederzeit. Na, wenn das kein Nachteilsausgleich ist... Also, an Eurer Stelle würde ich mich über irgendwelche gesetzlichen Regelungen zur Sterbehilfe überhaupt nicht aufregen, da seid Ihr doch, wenn Ihr's wollt, sowieso außen vor.
Izar (Archiv)
Beiträge: 19
Registriert: Do Jan 01, 1970 1:00 am

Re: Und was ist mit sterben?

Beitrag von Izar (Archiv) »

@EvaK.

Es tut mir sehr leid, was Du alles durchgemacht hast! Ich wünsche dir viel Kraft, dass es Dir bald besser geht und dass Du doch viel Licht am Ende des Tunnels sehen wirst. Verzweifele bloß nicht, wenn Du Fragen hast zu Ärzten/Medikation etc. frag ruhig, hier im Forum gibt es viele nette Mitbetroffene, die Dir bestimmt helfen können. Lass den Kopf -nicht so tief- hängen, besser ganz hoch!



@ Wattwurm,

Ich danke Dir für das schöne, nachvollziehbare und passende Gleichnis nach Henry Nouwen-auch wenn etwas geändert! Ich hatte das allerdings in kurzer Form vor vielen Jahren gehört.

Ich finde den Vergleich treffend insofern als das ungeborenes Zwillingspärchen die Außenwelt zwar nicht sieht, aber genügend Zeichen(Stimme der Mutter, Gerüche,…..) von ihr spürt/hört, sodass es sich wohl eine „reelle“ Vorstellung von der Außenwelt machen kann. Es geht auch nicht darum, wie genau diese Vorstellung ist.



Das ist, was ich in meinem Beitrag auch mit dem „Göttlichen im Menschen und in der Welt“ meinte: Es gibt überall im Leben und in der Natur viele Zeichen, die Hinweise von einer, unser Denkvermögen übersteigenden, Dimension sein können. Diese Zeichen können im Kleinen, wie im Grossen sein: die Schönheit einer Blume, die Ordnung von Tag und Nacht, die preziöse Ordnung im Kosmos, die Unendlichkeit des Universums, oder schlicht und einfach die kleinsten Freuden im täglichen Leben. Nun wenn der Mensch sich Zeit nimmt, darüber nachdenkt, in sich hinein hört und sein Leben bewusster angeht, nimmt er auch die o.g. Zeichen eher wahr. Das alles heißt keinesfalls, dass wir dann keine Krankheiten, keine Schmerzen und keine Probleme haben. Aber es fällt uns leichter, unser Leid leichter zu ertragen, da unsere Seele (oder wie man sie auch nennen mag) sensibilisiert/geschärft wird. Man sieht/hört es z:B. an Leuten, die meditieren, damit meine ich nicht irgendeinen Hokuspokus, sondern die traditionelle Form, die gelernt werden muss. Richtig praktiziert schärft die Meditation die Sinne, sodass man u.U. sein Leben bewusster wahrnimmt und gestaltet und weniger auf die oft trügerische Spiele des Intellektes hereinfällt. Da man sich dadurch einer anderen Dimension jenseits des Körperlichen/ Materiellen öffnet, sinkt auch durch das erhöhte Bewusstsein die Gefahr, dass man zu schnell aus dem Leben springen wollen würde.



Die Diskussion kann man naturgemäß lange fortführen, es passt vielleicht nicht unbedingt hierhin.



In diesem Sinne, allen eine besinnliche Adventzeit!
Friedolin (Archiv)
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Re: Und was ist mit sterben?

Beitrag von Friedolin (Archiv) »

ZITAT S.:"Gerade Ihr alle habt doch DEN Schlüssel zum Ableben jederzeit in eigener Hand, nehmt einfach keine Medikamente und die Vaskulitis pardon, killt Euch doch sowieso in ein paar Wochen. Das kann Euch doch keiner nehmen. Patientenverfügung mit Ausschluss jeglicher Hilfeleistung, außer palliativer, und der Lebensausstieg ist in trockenen Tüchern. Jederzeit. Na, wenn das kein Nachteilsausgleich ist... Also, an Eurer Stelle würde ich mich über irgendwelche gesetzlichen Regelungen zur Sterbehilfe überhaupt nicht aufregen, da seid Ihr doch, wenn Ihr's wollt, sowieso außen vor." (ZITAT Ende)



Eine solche Äußerung hinterlässt bei mir den Eindruck, das Du gar nicht richtig verstanden hast worum es überhaupt geht. Und es klingt so, als wäre es Dir noch nie so richtig dreckig gegangen über einen längeren Zeitraum. Es geht eben genau darum, NICHT in diese Situation zu kommen. Offensichtlich weißt Du nicht wie eklig es ist an einer Vaskulitis zu sterben, sozusagen innerlich zu verbluten. Und wie sich das so hinzieht. Es geht darum jederzeit selbst entscheiden zu können wann man noch "mitmacht" und an welcher Stelle man nicht mehr weitermachen möchte, weil man die Situation nicht mehr ertragen kann oder will. Natürlich regt mich eine solche Äußerung auch persönlich auf, weil ich mir, als jemand der sich in einer solchen Situation befunden hat, verhöhnt vorkomme. Streng genommen ist es schon eine ziemliche Respektlosigkeit. Aber andererseits, manche Dinge muss man einfach selbst erleben um sie zu verstehen. Es ist ja auch ok wenn Du eine andere Meinung vertrittst, aber das war jetzt einfach etwas am Ziel vorbeigeschossen.
Hartmut (Archiv)
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Re: Und was ist mit sterben?

Beitrag von Hartmut (Archiv) »

@S.

die Nazis haben keine Sterbehilfe betrieben,sondern Massen Mord !



@Alle

wenn ich richtig liege hat der Gesetztgeber die Patientenverfügung auf den Weg gebracht (?),dann sollte der Gesetzgeber auch dafür sorgen das jeder der eine Patientenverfügung hat deren Inhalt auch umgesetzt wird

anstatt ein qualvolles sterben zu verlängern!



Das macht der Gesetzgeber, die Krankenhäuser bei jedem der einem Organspenderausweis hat ja auch "genau so"!



Ich habe meine Patientenverfügung und meine Pflegevollmacht!



Letzteres sollte wohl jeder schwerst Kranke haben da wird richtig Schindluder getrieben,und das "Durch den Gesetzgeber" indem dieser eine Fremde Person anstatt eine nahen Angehörigen einsetzt.



LG. Hartmut
Wattwurm (Archiv)
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Re: Und was ist mit sterben?

Beitrag von Wattwurm (Archiv) »

@friedolin

Ich habe auch über den satz von S. nachgedacht, er ist provokativ, kein zweifel aber ich finde eine Diskussion lebt u.a auch von Provokation, denn wenn dich etwas nicht berührt, antwortest du auch nicht

Es ist schwer die medis wegzulassen und auf den tod durch "v " zu warten, wenn es so einfach mit verbluten wäre wie du es beschreibst, dann hätte ich es schon versucht, leider verblutet man aber nicht sondern stirbt meist am multiorganversagen, das kann dauern und tut auch ziemlich weh, so ein mesenterialinfarkt, der bringt dich so schnell wieder zurück und du bettelst um eine Operation damit die schmerzen aufhören, .....und unsere gehasste atemnot, auch die bringt mich immer wieder dazu artig meine medis zu nehmen, ....

Gruss wattwurm

Ps Hartmut du hast recht auch ich habe vorgesorgt und eine detaillierte patienten Verfügung in der auch genau der zeitraum bestimmt wird , zb 5 tage nach eintreten des Ereignisses, ....und und
Ingeborg
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Re: Und was ist mit sterben?

Beitrag von Ingeborg »

ich habe das Gefühl, dass das offensichtlich für uns wichtige Thema zuletzt ziemlich entgleist ist. Würde mir deshalb wünschen, dass wir es an dieser Stelle beenden. I.
Man muß sich von sich selbst auch nicht alles gefallen lassen.
(Viktor Frankl, 1905-1997)
Daniela_sh (Archiv)
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Re: Und was ist mit sterben?

Beitrag von Daniela_sh (Archiv) »

Hallo zusammen,



ja mich gibt es noch und ihr habt mich sehr überrascht mit diesem offenen Thread.

Und es hat vieles geweckt in mir.

Auf die Frage eines Psychologen ob ich denn auch schon mal ans sterben gedacht habe, antwortete ich *Wer hat nicht irgendwann in seinem Leben mal dran gedacht* Das brachte mir den Vermerk suizidgefährdet auf die Krankenakte und viele Therapiestunden...

Dabei hänge ich sehr an meinem Leben, auch wenn es nicht so aussieht wie bei Anderen.Die CSS ist nur eine meiner Baustellen.

Sie ist tückisch und manchmal sehr gemein.Kaum geht es einem besser und man fängt an zu hoffen, überfällt sie einen und verändert die Sichtweise aufs Leben innerhalb weniger Stunden.

Am meisten leide ich unter den ständigen Gelenkentzündungen in kleinen und großen Gelenken.Wenn meine Hände schmerzen als wenn etwas darübergefahren währe.Wenn anziehen ,den Haushalt machen oder einkaufen zur Schwerbelastung wird....

Dann diese ständigen Arztbesuche, mit Tests, neuen Medikamenten etc und vielen dummen Fragen.Seit der Diagnosestellung ist der Schmerz mein ständiger Begleiter und ja man bekommt Medikamente den zu betäuben, aber betäuben sie nicht auch mein *ich*?Feststellung eines Arztes: Wenn sie so Schmerzen haben müssten Sie den ganzen Tag schreien- meine Antwort: Tu ich auch nur innerlich...auch das war der Grund für eine psychologische Beratung.Ich bin still geworden....ertrage selten Menschenansammlungen, kein Fernsehen und nur selten mal Musik. Mir fällt es schwer Freundschaften zu schließen weil diese zu pflegen sehr anstrengend für mich ist.



Aber sterben....



Oft war ich hoffnungslos, fühlte mich verloren, unverstanden...

Ich habe einen kleinen Hund...der begleitet mich seit 2 Jahren und er hat mich vieles gelehrt. Eine Stunde an frischer Luft an einem Tag mit weniger Schmerzen kann solche Glücksgefühle verursachen.Ein tröstender Schmuser hilft mehr als manches pharmazeutische Produkt.Er nimmt mich wie ich grade bin und liebt mich. Leider sind Menschen nicht so.Ihr Gespür ist oberflächlich geworden für Andere.



Ich werde auch selbst entscheiden wie und wann ich gehe..

Wenn nicht eine der Baustellen mich einfach überrollt und mir auch diese Entscheidung abnimmt.Eine Beratung brauche ich nicht, da die vielen Stunden die man mit sich selbst im Zwiegespräch verbringt für mich selbst ausreichen.Wenn man sieht das Freunde und Angehörige mitleiden und so hilflos sind.



Eine gesetzliche Lösung via Sterbehilfe halte ich in Deutschland für unmöglich.Die deutsche Geschichte und die so vielgelobte *Ethik* werden das hier nicht zulassen.

Und selbst wenn...dann gibt es sicher wieder Papierberge, zuviele Beratungsstunden etc....und diese Zeit nutze ich lieber für Anderes- wenn ich es kann.





Gerade habe ich in nur 2Stunden einen Weihnachtstrauß gemacht.Er ist krumm und schief und schön ist auch relativ.Aber ich habe ihn gemacht und er bringt die vielen schönen Erinnerungen an Weihnachten und Advent zurück...



Wünsche Euch allen eine schmerzarme und gute Zeit und hoffe ihr verbringt nicht zuviel Zeit übers sterben nachzudenken.Denn diese Zeit verpasst ihr LEBEN.



LG Daniela
Wattwurm (Archiv)
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Registriert: Do Jan 01, 1970 1:00 am

Re: Und was ist mit sterben?

Beitrag von Wattwurm (Archiv) »

Hi daniela

Danke für deinen Text habe mich schon so manches mal gefragt wie es dir geht

Du hast recht mit dem Hund, meine Hunde ich nenne sie liebevoll meine kleinen Therapeuten schaffen es mir zu zeigen wie lebensfreude geht, natürlich haben sie nicht meinen intelligenz, ( oder doch ":-))

sie sind durch und durch emotionale Wesen die immer ganz im hier und jetzt leben jeden Augenblick, sie sind zweifellos, jeden morgen rennen sie voller Lebensfreude in die Küche und erwarten volle Nãpfe, durch sie habe ich gelernt:

" da sein zur Freude eines anderen Menschen" das hat den gleichen Stellenwert , wie fleissig arbeiten.



@ alle

Advent

das heisst Ankunft, ich bin bei mir selbst angekommen durch diese Krankheit, und ich bin mir ziemlich sicher, mein Leben wäre ohne "v" nicht halb so wertvoll für mich und viele Menschen die ich nur kennen gelernt habe weil ich krank bin

Und ich bin so dankbar, die Advent Zeit so fühlen zu können, ohne hast und Unruh

Wattwurm
Christine (Archiv)
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Registriert: Do Jan 01, 1970 1:00 am

Re: Und was ist mit sterben?

Beitrag von Christine (Archiv) »

Ich bin auch der Meinung, das das Thema nun lieber beendet wird, weil es aus dem Ruder läuft-

es ist viel zu kompliziert und auch zu individuell; jeder hat seine ganz persönliche Meinung und auch

(Daniela -ich fühle mit Dir!)zum Teil Grenzwertiges durchgemacht.



@ S., Deinen Beitrag (...jeder Vaskulitis-Patient hat den Schlüssel selbst in der Hand...)

kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Dieser Satz trifft viele hier, und vor allem die, die psychisch und physisch gar nicht gut drauf sind, tief.

Es ist absolut KEINE perfekte Lösung, mal eben die Pillen weg zu lassen.

Wenn das so einfach wäre...
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